Im Juli, wenn es auch abends nicht mehr abkühlt, die Haut rot wird, der Appetit verschwindet und man schneller gereizt ist als sonst, spricht das Ayurveda von der Pitta-Zeit. Pitta ist das Prinzip von Feuer und Umwandlung; im Sommer kommt die Hitze von aussen dazu. Die Empfehlungen der Tradition für diese Monate sind deshalb auf einen Nenner zu bringen: kühlen, ohne zu kühlen. Diese Seite erklärt, was damit gemeint ist.
Was im Sommer geschieht
Die klassischen Texte beschreiben den Sommer (grīṣma) als die Zeit, in der die Sonne den Lebewesen Kraft und Feuchtigkeit entzieht. Die Aṣṭāṅga Hṛdaya (Sūtrasthāna 3) nennt ihn eine Zeit der Schwäche; der Körper ist mit der Hitze beschäftigt, das Verdauungsfeuer wird schwächer. Nach der Logik der Klassiker sammelt sich im Sommer Vata an — durch die Trockenheit — und Pitta wird im folgenden Herbst erregt. Für das mitteleuropäische Klima hat sich eine einfachere Einteilung durchgesetzt: Der heisse Sommer von etwa Mitte Juni bis Mitte September gilt als die Zeit, in der Pitta am leichtesten aus dem Gleichgewicht gerät (siehe Herbst und Winter für die Herleitung).
Woran man ein erhitztes Pitta erkennt
Die Tradition beschreibt es über die Eigenschaften des Pitta — heiss, scharf, durchdringend, leicht ölig: starkes Hitzegefühl und Schwitzen, grosser Durst, Rötungen und Unreinheiten der Haut, Sodbrennen oder ein brennendes Gefühl im Magen, ein scharfer, dünner Stuhl, gereizte Augen, Ungeduld, Ärger, Kritiksucht. Wer von Natur aus viel Pitta hat, spürt den Sommer am stärksten. Das sind Beschreibungen, keine Diagnosen; Hitzeschäden, Sonnenbrand und anhaltende Magenbeschwerden gehören in ärztliche Hände.
Essen in der Pitta-Zeit
- Süss, bitter, herb. Die drei Geschmacksrichtungen, die Pitta besänftigen. Süss: Reis, Hafer, reife Früchte, Milch, Ghee. Bitter: Chicorée, Endivie, Löwenzahn, Rucola, grünes Blattgemüse. Herb: Hülsenfrüchte, Granatapfel, Kräutertee.
- Weniger scharf, sauer, salzig. Chili, roher Knoblauch, viel Senf, Essig, saure Früchte, Käse, Alkohol, Frittiertes gelten als erhitzend. Die Klassiker raten im Sommer ausdrücklich von Salzigem, Saurem und Scharfem ab.
- Leicht und frisch gekocht. Weil das Verdauungsfeuer schwächer ist, liegen schwere Mahlzeiten jetzt schlecht. Gedünstetes Gemüse, Getreide, leichte Suppen, nicht zu viel auf einmal. Eine alte Faustregel der Tradition: den Magen zu zwei Dritteln füllen, ein Drittel frei lassen.
- Sommergemüse. Gurken, Zucchetti, Fenchel, Spargel, Stangensellerie, Kürbis, Blattgemüse, Broccoli, Sprossen.
- Sommerfrüchte. Reife, süsse: Melonen, Kirschen, Trauben, Birnen, Aprikosen, Feigen, Beeren, Pflaumen. Die Amalaki-Frucht ist sauer im Geschmack, gilt aber in der Tradition als kühlend und Pitta-besänftigend — eine der Ausnahmen, die das Ayurveda mit dem Begriff vīrya, der Wärmewirkung, erklärt.
- Milde Gewürze. Koriander (Samen und Blätter), Fenchel, Kardamom, Minze, etwas Kurkuma, wenig Ingwer. Würzen ja, schärfen nein.
- Hauptmahlzeit mittags, aber nicht in der grössten Hitze schwer essen; abends früh und leicht.
Kühlend heisst nicht eiskalt
Die häufigste Sommerfrage im Ayurveda: Warum keine kalten Getränke, wenn es heiss ist? Die Antwort der Tradition: Eiswasser und Glace kühlen nur einen Moment. Danach muss der Körper sie auf seine eigene Temperatur bringen, und das Verdauungsfeuer, im Sommer ohnehin schwach, wird zusätzlich gedämpft. Besser sind Getränke mit Zimmertemperatur oder kühl, nicht eisig — Wasser, Kräutertee aus Fenchel, Koriandersamen oder Minze, abgekühlt auf Raumtemperatur, Kokoswasser, verdünnte Fruchtsäfte. Die Klassiker nennen für den Sommer ausserdem kühle süsse Getränke, Milch mit Zucker und Ghee. Auch mit Rohkost ist das Ayurveda im Sommer grosszügiger als sonst: Ein Salat zum Mittagessen ist für Pitta in Ordnung, wenn die Verdauung ihn verträgt.
Lassi — das Sommergetränk
Joghurt pur gilt im Ayurveda als schwer, sauer und erhitzend; Caraka rät sogar, ihn nicht am Abend zu essen. Verdünnt man ihn aber kräftig mit Wasser und schlägt ihn auf, wird daraus etwas anderes: leicht, bekömmlich, gut für die Verdauung. Die Klassiker loben diese Buttermilch (takra) ausführlich. Das Lassi ist ihre moderne Verwandte.
Süsses Rosen-Lassi für zwei: 150 g Naturjoghurt mit 450 ml Wasser schaumig schlagen (Verhältnis etwa 1 zu 3), einen Teelöffel Rosenwasser in Lebensmittelqualität, eine Prise Kardamom und nach Geschmack einen Teelöffel Rohrzucker dazu. Nicht aus dem Kühlschrank, sondern kühl, zum Mittagessen.
Salziges Lassi für zwei: 100 g Joghurt, 300 ml Wasser, eine Prise Salz, ein Spritzer Zitrone und eine Messerspitze Kreuzkümmel, den man vorher trocken in der Pfanne geröstet und gemahlen hat; mit frischer Minze. Für viele eine Entdeckung.
Der Tag in der Pitta-Zeit
- Die Hitze meiden. Bewegung am frühen Morgen oder am Abend, nicht in der Mittagssonne; Sport bis etwa zwei Dritteln der Kraft, nicht bis zur Erschöpfung. Schwimmen, Spazieren im Wald, abends an den See.
- Mittagsschlaf erlaubt. Der Sommer ist die einzige Jahreszeit, in der die Klassiker den Schlaf am Tag empfehlen — die Nächte sind kurz und heiss, der Körper braucht die Ruhe.
- Kühlende Öle. Für die Ölmassage im Sommer nimmt man statt Sesamöl lieber Kokosöl, das als kühlend gilt, oder massiert nur Kopfhaut und Fusssohlen.
- Haut und Augen schützen. Sonnenhut, Sonnenbrille mit UV-Schutz, Sonnenschutz; abends ein mit Rosenwasser getränktes Wattepad auf die geschlossenen Augen (mehr dazu unter Augen im Bildschirmalltag).
- Kühler Kopf. Pitta ist auch ein seelisches Prinzip: Ehrgeiz, Ungeduld, Ärger. Pausen, Mondlicht, Wasser, Blumen, ruhige Gesellschaft — die Klassiker zählen all das ausdrücklich zur Sommerlebensweise.
Was man nicht erwarten sollte
Die ayurvedischen Sommerregeln ersetzen weder Sonnenschutz noch ausreichendes Trinken noch die Vorsicht bei Hitzewellen. Kleinkinder, Ältere, Schwangere und chronisch Kranke sind bei grosser Hitze besonders gefährdet und halten sich an die Empfehlungen der Behörden und ihrer Ärzte. Was das Ayurveda beitragen kann, ist ein Sommer mit leichterem Essen, kühlerem Kopf und etwas weniger Gereiztheit.
Zum Weiterlesen
Die anderen Jahreszeiten beschreiben Ayurveda im Frühling und Ayurveda im Herbst und Winter; die Ernährung nach den Doshas erklärt Essen nach Vata, Pitta und Kapha. Dieser Artikel greift Anregungen aus den Beiträgen «Der Sommer gehört dem Pitta-Dosha» und «Sommerzeit ist Pittazeit» von Amla Natur auf, mit deren freundlicher Genehmigung.